Im Kabinett

Mein Kabinett ist ein innerer Ort, meine private Ideensammlung und eine gedankliche Spielwiese. Vielleicht ist es die kleine Schwester des Salons: Im Salon geht etwas nach außen, im Kabinett darf es erst einmal entstehen.

Dort sammle ich, was mich anregt oder berührt: Gedanken und Gefühle, Bilder, Assoziationen, Farben, Materialien, Alltagsbeobachtungen, etwas Gelesenes oder Gesehenes. Oft weiß ich noch gar nicht, was ich damit anfangen werde. Ich hebe es auf und lasse es eine Weile in mir arbeiten. Neues verbindet sich mit etwas, das schon da ist, und manchmal verschieben sich dadurch plötzlich Bedeutungen und Zusammenhänge. Gerade das interessiert mich.

Ich interessiere mich überhaupt sehr fürs Sammeln, für Sammlungen und für Menschen, die sammeln. Ich versuche auch immer wieder, meine eigenen Dinge systematisch aufzuheben. Das gelingt mir mittelgut. Trotzdem weiß ich im Großen und Ganzen ziemlich genau, was sich in meinem Kabinett befindet. Es sieht vielleicht nicht immer geordnet aus, aber es hat eine eigene Logik. Hier liegen viele Dinge zuerst nebeneinander, bis ich sehe, was sie miteinander zu tun haben. Manchmal sind es vier völlig verschiedene Dinge, die zunächst nur verbindet, dass sie orange sind.

Ich bin neugierig: Ich lerne gern Neues und probiere gern aus. Mich interessieren Verbindungen zwischen Dingen, die auf den ersten Blick weit auseinanderliegen. Dabei bewege ich mich zwischen Wissenschaft und Kreativität, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ich schreibe genauso gern, wie ich mit den Händen arbeite. Für mich sind das keine sauber getrennten Bereiche. Denken ist auch sinnlich und macht Spaß.

Deshalb gehören zu meinem Kabinett Bücher und historische Quellen genauso wie Papier, Stoffe, Wolle, Fotografien, Bleistifte, Tinten, Farben und Fundstücke. Licht ist wichtig, ebenso Oberflächen und Texturen. Ich fotografiere gern. Ich liebe Hortensien und Zitronen, den Geschmack von Zitronen genauso wie ihre Farbe. Ein Stück Stoff, eine Fotografie oder eine Farbe kann mich genauso auf eine Spur bringen wie ein Text oder eine Quelle. Ich habe erst im Lauf meines Lebens gelernt, diese verschiedenen Arten des Denkens und Arbeitens nicht mehr gegeneinander abzuwägen.

Irgendwann fügen sich einzelne Dinge so zueinander, dass ich Lust bekomme, etwas daraus zu machen. Was das wird, weiß ich vorher nicht. Es kann ein Text sein, eine Zeichnung, eine Miniatur, eine historische Recherche oder ein größeres Projekt. Wichtig ist mir, dass es in sich schlüssig ist und dass die Dinge eine Beziehung zueinander haben. Ich probiere aus und verwerfe wieder. Manches gefällt mir nicht, manches kann ich einfach nicht. Und wenn mir etwas gefällt, ich damit zufrieden bin und mir der Prozess Freude gemacht hat, versuche ich inzwischen, es nicht durch Perfektionismus oder den Vergleich mit anderen wieder kaputtzumachen.

Das Kabinett ist ernst und verspielt zugleich, konzentriert und in Bewegung. Es darf schön und intelligent sein, manchmal auch ein bisschen retro. Und wenn etwas so weit ist, dass ich es zeigen möchte, geht es irgendwann in den Salon. Dort zeige ich es, spreche darüber, stelle es zur Diskussion. Manchmal verändert es sich dadurch, wird präziser oder erhält noch einen letzten Feinschliff. Der Salon fordert mich. Manchmal gehe ich mutig weiter, manchmal verwerfe ich eine Idee. Und manches nehme ich wieder mit zurück ins Kabinett.