Von meinem Onkel Fritz wusste ich lange fast nichts. Eigentlich war er mein Großonkel, der Bruder meines Großvaters. Vielleicht habe ich ihn als kleines Kind einmal gesehen. Wenn ja, ist nichts geblieben. Ältere Herren sahen für mich damals ohnehin alle ein wenig gleich aus.
Viele Jahre später tauchte Fritz bei einer Recherche wieder auf. Oder eigentlich zum ersten Mal. Ein Name, ein Geburtsjahr, ein paar Spuren. 1904 in Wien geboren. Schon als Jugendlicher eine Kamera. 1938 verhaftet und nach Dachau deportiert, danach Schweiz, später New York. Dort starb er 1974.
Viel mehr wusste ich zunächst nicht.
Dann fand ich eine Spur in die Schweiz. Eine Familie, mit der Fritz seit seiner Emigration eng befreundet gewesen war. Ihre Kinder hatten nach seinem Tod seine Fotoalben aus New York mitgenommen und all die Jahre aufgehoben. Ich schrieb ihnen. Wir schrieben einander. Schließlich fuhr ich hin.
Ich kam mit einem Berg von Fotoalben zurück.
Keines sieht aus wie das andere. Verschiedene Formate, Farben, Einbände, Papier, Gerüche. Manche Fotos sind über hundert Jahre alt. Zuerst kannte ich niemanden. Fremde Gesichter, fremde Orte, fremde Leben. Dann begann ich Menschen wiederzuerkennen. Diese Frau schon wieder. Dieser Mann Jahre später. Kinder werden erwachsen. Freunde verschwinden und tauchen wieder auf.
Und Fritz ist fast immer der, der schaut.
Am Anfang fotografiert er Berge, Seen, Kurorte, Ausflüge, Familienmitglieder, Autos, gelegentlich seltsame kleine Experimente mit der Kamera. Später werden die Menschen wichtiger. Flüchtlinge in der Schweiz, Arbeiterinnen und Arbeiter, Kinder, Freunde, Porträts. Dann Amerika: Wohnungen, Straßen, Reisen, Schneestürme, Hochhäuser, Gesellschaften, Feste.
Wenn man lange genug in diesen Alben blättert, beginnt sich neben Fritz noch etwas anderes zu zeigen. Das 20. Jahrhundert zieht durch die Bilder. Nicht als große Geschichte, sondern in Kleidern, Frisuren, Möbeln, Autos, in der Art, wie Menschen zusammensitzen, rauchen, trinken, lachen. Irgendwann erscheint Farbe. Die Welt sieht plötzlich anders aus.
Ich habe begonnen, meine eigenen Fotografien daneben zu legen.
Nicht, weil ich Fritz nachfotografieren möchte. Ich suche eher Verbindungen. Ein Thema. Eine Haltung. Einen Blick. Manchmal ist es nur ein Detail, das uns beide interessiert hätte. Besonders bei seinen Porträts glaube ich etwas zu erkennen, das mir vertraut ist: diese kurze, merkwürdige Übereinkunft zwischen dem Menschen vor der Kamera und dem Menschen dahinter.
Mein Onkel Fritz war zuerst nur ein Arbeitstitel. Inzwischen ist daraus eine Serie geworden.
Seine Bilder, meine Bilder. Dazwischen liegen Jahrzehnte, Länder, Kriege, Emigrationen und zwei vollkommen verschiedene Leben.
Und trotzdem antwortet manchmal ein Bild auf ein anderes.
Ich hätte Fritz gern kennengelernt.
Stattdessen habe ich seine Fotografien.


























