In der Rue de l’Odéon in Paris kreuzen sich in der Zwischenkriegszeit die Wege der Moderne. Zwei Buchhandlungen – La Maison des Amis des Livres und Shakespeare and Company – sind mehr als Geschäfte: Sie sind die Lebensentwürfe zweier Frauen, Adrienne Monnier und Sylvia Beach, und der Schauplatz von Uwe Neumahrs Buch Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940 – Zuflucht und Widerstand. Es erzählt, wie aus diesem literarischen Mikrokosmos eine Bühne von Verfolgung, Rettung und Ambivalenz wird.
Im ersten Teil, „Fraternité, Krieg und Besatzung“, zeigt Neumahr, wie Monnier 1915 ihr „Haus der Bücherfreunde“ als Experiment eröffnet: ein kleiner Raum, in dem Lesungen, Vorträge und Debatten stattfinden, in dem Autorinnen und Autoren neue Formen erproben. Gegenüber richtet Beach 1919 Shakespeare and Company ein, eine englischsprachige Leihbibliothek und Treffpunkt der amerikanischen „Lost Generation“. Heute würde man diese beiden Läden avantgardistische Kulturzentren nennen: Hier zirkulieren Manuskripte, bevor sie Verlage finden, hier werden Texte diskutiert, die noch keinen gesicherten Platz im literarischen Kanon haben. Neumahr arbeitet heraus, wie Monnier und Beach ohne klassische kaufmännische Ausbildung den Literaturbetrieb neu organisieren – als Gastgeberinnen, Netzwerkerinnen, Herausgeberinnen.
Besonders eindrücklich ist die Rekonstruktion des Moments, in dem James Joyce’ Ulysses in diesem Netzwerk entsteht. Kein Verlag will das riskante Manuskript, Beach wird zur Verlegerin, riskiert Geld und Ruf und bindet ihr Leben an ein Buch, dessen Ruhm ihr später entgleitet. Monnier erscheint als Innovatorin des Buchhandels, die mit Programm, Veranstaltungen und Rezensionen die französische Szene strukturiert. Die großen Männer der Moderne – Joyce, Hemingway, Sartre, Gide – treten in diesem Buch als Gäste auf, die von der Arbeit zweier Buchhändlerinnen getragen werden.
Mit dem zweiten Teil, „Deutsch-jüdische Exilanten, Verfolgung und Widerstand“, verschiebt sich der Blick. Die Rue de l’Odéon wird zur Topographie des Exils. In Kapiteln über Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Gisèle Freund zeigt Neumahr, wie rasch aus der literarischen Oase ein Gefahrenraum wird: französische Internierungspolitik, drohende Auslieferung an das Deutsche Reich, die Suche nach Visa und Transit. Monnier nutzt ihre Kontakte, damit Benjamin und Kracauer aus Lagern freikommen; für Freund wird eine Scheinehe organisiert, die ihr die Flucht ermöglicht. Beach hält ihren Laden geöffnet, obwohl die Kundschaft verschwindet und die Gestapo genauer hinsieht, und unterstützt im Stillen Freundinnen und Freunde, die sich dem Widerstand anschließen. In diesen Buchhandlungen wurden nicht nur Bücher, sondern auch Papiere, Adressen und Lebenschancen verteilt.
Besondere Schärfe gewinnt das Buch dort, wo Neumahr die Hilfsaktionen der Buchhändlerinnen mit den Grauzonen des Exils konfrontiert. Der deutsche Offizier Ernst Jünger, der in Paris Tagebuch führt und Monniers Laden besucht, markiert eine ambivalente Nähe zwischen Besatzungsmacht und intellektueller Szene. Noch heikler ist Gertrude Stein. Neumahr widmet ihr mehrere Kapitel – von „Gertrude Stein ante portas“ über die Propaganda für Vichy bis zu ihrem Rückzug – und folgt ihr tief in die Jahre des Vichy-Regimes. Stein, amerikanisch-jüdische Schriftstellerin und Ikone der Bohème, lebt vergleichsweise geschützt, weil sie dem neuen System wohlgesonnen ist und auf ein einflussreiches Netzwerk zurückgreifen kann. Sie wird so zur Figur jener Grauzone zwischen Überleben und Nähe zur Macht, in der sich Exil, Opportunismus und Selbstschutz kaum trennen lassen. Im Kontrast zu Monnier und Beach, die ohne Privilegien riskieren, tritt Steins politisch heikle Nähe zum Vichy-Regime deutlich hervor.
Der dritte Teil, „Rettungsmissionen, Flucht und Befreiung“, bündelt die praktischen Konsequenzen dieses Engagements. Neben Benjamin, Kracauer und Freund tritt hier auch Arthur Koestler auf, dessen Weg von Gefängnissen im spanischen Bürgerkrieg über das französische Lager Le Vernet bis ins britische Exil führt. Neumahr erzählt eine Episode, in der Koestler in diesem Umfeld zeitweise untertaucht – ein weiterer Beleg dafür, wie sich in diesem Straßenzug die Linien der europäischen Verfolgung kreuzen.
Neumahr schreibt anschaulich, häufig szenisch, in kurzen Kapiteln und mit vielen Perspektivwechseln. Das erzeugt Nähe, verlangt aber konzentrierte Lektüre: Die Fülle an Namen und Zeitsprüngen lässt manche Nebenfigur nur skizzenhaft. Insgesamt entsteht aus Briefen, Fotos und Erinnerungen jedoch ein konzentriertes Bild der Rue de l’Odéon als eines Ortes, an dem eine Buchhandlung zugleich avantgardistische Bühne, Zufluchtsort und Widerstandszelle sein konnte – und als Schauplatz der Liebesgeschichte zweier Frauen, die lange im Schatten „ihrer“ Autoren standen.