Wolfgang Benz’ Studie „Exil. Geschichte einer Vertreibung 1933–1945“ ist kein Pionierwerk im engeren Sinn, sondern das späte Resümee eines Historikers, der die Erforschung von Flucht und Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland seit Jahrzehnten mitprägt. In einer Situation, in der Exil in der Forschung etabliert ist, in der öffentlichen Erinnerung aber weiterhin stark auf einige prominente Intellektuellenbiografien fokussiert wird, zielt Benz darauf, Exil als Massenphänomen neu zu vermessen. Seine Darstellung verschränkt bekannte Namen wie Thomas Mann, Hannah Arendt oder Albert Einstein mit Biografien von Exilierten, deren Lebenserfahrungen sich nur in verstreuten Dokumenten und Erinnerungen nachzeichnen lassen. Gerade diese bewusste Gleichzeitigkeit von „berühmten“ und „fast unsichtbaren“ Exilant:innen, die Benz über Kapitel zu Kindertransporten, zu unterschiedlichen Orten des Exils und schließlich zur Frage „Wann endet das Exil?“ entfaltet, macht das Buch aus zeithistorischer Perspektive zu einer späten, aber sehr dichten Synthese. Exil erscheint hier nicht als Randnotiz der NS-Verfolgung, sondern als integraler Bestandteil eines Gewaltregimes, das Menschen aus ihren Biografien, ihren Räumen und ihren Sprachen treibt.
Konkret wird das etwa an der jüdischen Sozialarbeiterin Marianne Cohn/Collin, deren Flucht in die Schweiz scheiterte und die ermordet wurde, oder an Kindern und Jugendlichen, die mit den Kindertransporten nach Großbritannien gelangen und dort in Heimen, Pflegefamilien oder Arbeitsverhältnissen neu beginnen müssen. Die von Benz porträtierten Kindergruppen und einzelnen jungen Exilant:innen, deren Lebensverläufe über Palästina oder London bis weit in die Nachkriegszeit verfolgt werden, zeigen, dass Exil hier vor allem an Menschen erzählt wird, deren Erfahrungen bislang kaum im Zentrum der Darstellung standen. Auf diese Weise erweitert Benz die vertraute Erzählung vom „geistigen Exil“ um eine Geschichte der Flucht und Vertreibung, in der Kinder, Fürsorger:innen, Handwerker:innen und Angestellte gleichberechtigt zu Träger:innen historischer Erfahrung werden.
Besonders deutlich wird Benz’ Perspektive im Kapitel zu den Kindertransporten. Hier knüpft er an seine eigene frühere Forschung an und rekonstruiert die Rückseite einer scheinbar erfolgreichen Rettungsgeschichte: Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern aus Deutschland und Österreich herausgebracht werden, um ihr Leben zu retten, müssen zugleich ihre Bezüge, Sprachen und vertrauten Umgebungen abrupt zurücklassen. Benz erzählt die Wege einzelner Kindergruppen nach Großbritannien, zeigt die Rolle von Fürsorger:innen und Hilfskomitees und verfolgt, wie sich aus einer notfallartigen Evakuierung langfristige Lebensverläufe entwickeln, die sich nicht bruchlos in die gängigen Erfolgserzählungen integrieren lassen. Mädchen und Jungen aus einem jüdischen Kinderheim, die in englischen Familien, Heimen oder Ausbildungsstellen landen, machen anschaulich, wie Rettung, Verlust und Überforderung sich überlagern. In dieser Perspektive erscheinen die Kindertransporte nicht nur als moralisch unstrittige Rettungsaktion, sondern als paradigmatischer Fall dafür, dass Exil auch dort eine traumatische Erfahrung bleiben kann, wo physische Vernichtung verhindert wird.
Eng damit verbunden ist Benz’ Interesse an den unterschiedlichen Orten des Exils. Er kartiert die topographische Vielfalt der Zufluchtsräume, von den ersten Ausweichbewegungen innerhalb Europas über Transitländer bis hin zu den klassischen Aufnahmeregionen in Übersee. Exil führt in seiner Darstellung nach Prag, Wien, Paris oder Marseille ebenso wie nach London, Moskau, New York, Buenos Aires oder Shanghai; jede dieser Stationen ist an spezifische Regime von Grenzpolitik, Bürokratie und sozialer Aufnahme gebunden. Benz beschreibt restriktive Visabestimmungen, die Willkür von Konsulaten und Hilfskomitees, Internierungen als „feindliche Ausländer:innen“ und prekäre Erwerbsarbeit, die viele Exilant:innen zur Überlebensökonomie zwingt. Auf diese Weise wird deutlich, dass „das Exil“ kein neutraler Raum außerhalb des „Dritten Reiches“ ist, sondern ein Geflecht von sehr unterschiedlichen Schauplätzen mit je eigenen Handlungsspielräumen und Zumutungen. Die Geographie des Exils ist damit immer auch eine Geschichte von Machtverhältnissen und Grenzregimen, die über nationale Erzählrahmen hinausweist.
Im Schlusskapitel stellt Benz ausdrücklich die Frage, wann das Exil eigentlich endet, und öffnet damit die Perspektive über 1945 hinaus. Anhand von Biografien, die er bis in die Nachkriegsjahrzehnte hinein verfolgt, zeigt er, wie Exilerfahrungen in Remigrationen in die Bundesrepublik oder die DDR, im Verbleib im Aufnahmeland oder in einer weiteren Migration – etwa nach Israel – fortwirken. Das Ende des Exils wird dabei zunächst in politischen und sozialen Kategorien gedacht: neue staatsbürgerliche Zugehörigkeit, berufliche und gesellschaftliche Etablierung. Zugleich machen die von Benz erzählten Lebenswege deutlich, dass es Exilant:innen gibt, deren Erfahrung der Vertreibung kein klares Datum des Endes kennt und sich in einem dauerhaften Dazwischen-Sein fortsetzt. Vor diesem Hintergrund bietet es sich an, die von Benz aufgeworfene Frage nach dem Ende des Exils begrifflich weiterzuführen und von einem „Nachexil“ zu sprechen – einer Phase, in der Exilerfahrungen biografisch, psychisch und sozial nachwirken, lange nachdem die formalen Bedingungen des Exils aufgehoben sind. Benz’ Buch legt für eine solche Perspektive ein außerordentlich dichtes Fundament. Es gehört in seiner erzählerischen und analytischen Kraft zu jenen Studien, an denen zukünftige Arbeiten zum Nachexil anknüpfen werden müssen.