Wanda Kuchwalek war schon zu Lebzeiten eine Figur, um die sich Geschichten sammelten. In Wien kannte man sie als „Wilde Wanda“: Zuhälterin, offen lesbisch, gewalttätig und mit einer auffallenden Wirkung auf ihre Umgebung. Sie gehörte zur Wiener Unterwelt der 1960er- und 1970er-Jahre. Dass eine Frau darin eine so sichtbare Position einnahm, machte sie zur Ausnahme und erklärt einen Teil der Faszination, die bis heute von ihr ausgeht.
Clemens Marschall versucht, dieser Frau hinter den Geschichten auf die Spur zu kommen. Er hat gründlich recherchiert, alte Zeitungsberichte gesucht, in Archiven gearbeitet, mit Menschen gesprochen, die Wanda kannten, Schauplätze aufgesucht und auch beschrieben, wie seine Recherche verlief. Vieles, was über sie überliefert ist, liegt zwischen Erinnerung, Selbstdarstellung und Legende. Marschall macht diese Unsicherheit sichtbar und versucht nicht, aus widersprüchlichen Quellen nachträglich ein geschlossenes Bild zu formen.
Die Fotografien und reproduzierten Zeitungsausschnitte sind dabei wichtig. Sie zeigen Wanda und ihr Umfeld und zugleich die Entstehung der öffentlichen Figur „Wilde Wanda“. Die Presse berichtete ausführlich über ihre Prozesse, Beziehungen und Gewalttaten. Wanda selbst machte später die Presse für ihren Ruf als gewalttätige Zuhälterin verantwortlich. Gleichzeitig ließ sie sich für Reportagen bezahlen und verdiente an der medialen Verwertung ihrer Person. Die „Wilde Wanda“ war daher auch ein gemeinsames Produkt von Presse und Selbstinszenierung. Wanda wirkte an diesem Bild mit, profitierte davon und litt zugleich darunter.
Diese Verschränkung von öffentlichem Bild und eigener Beteiligung gehört für mich zu den stärkeren Teilen des Buches. Marschall zeigt anschaulich, wie aus einer realen Person eine Figur wurde, die sich immer weiter von der Biografie entfernte.
Marschall ist von seiner Protagonistin spürbar fasziniert, ohne daraus eine Heldengeschichte zu machen. Besonders deutlich wird das bei ihrer späteren Rolle als lesbische Ikone. Er beschreibt, wie in Teilen der Homosexuellenszene ein Kult um Wanda entstand und ihr „das Attribut der Emanzipation angedichtet“ wurde. Frauenbewegung, politische Proteste und die intellektuellen Kreise der Schwulen- und Lesbenbewegung spielten in ihrem eigenen Leben offenbar kaum eine Rolle. Marschall macht auch deutlich, dass die Bezeichnung Feministin vermutlich kaum ihrem Selbstverständnis entsprochen hätte.
Umso auffälliger ist, dass ausgerechnet der Begriff „Emanzipation“ im Untertitel steht. Wanda verfügte zweifellos über eine für Frauen ihrer Zeit ungewöhnliche Handlungsmacht. Sie behauptete sich in einer von Männern beherrschten Welt, lebte ihre Homosexualität offen und nahm als Zuhälterin eine Position ein, die fast ausschließlich Männern vorbehalten war.
Aber Handlungsmacht und Emanzipation sind nicht dasselbe. Wanda lebte von den Einnahmen anderer Frauen und übte selbst erhebliche Gewalt aus. Dass eine Frau eine Machtposition übernimmt, die bei Männern als ausbeuterisch, gewalttätig und kriminell gilt, macht diese Position nicht emanzipatorisch. Die spätere Erinnerung an Wanda erzählt damit auch etwas über das Bedürfnis, in einer außergewöhnlichen Frau eine Rebellin oder Vorläuferin zu sehen.
Marschall bezeichnet Wanda als eine „Zerrissene voller Widersprüche“. Das trifft einen wesentlichen Punkt. Sie entzog sich den weiblichen Rollenbildern ihrer Zeit, ohne deshalb politisch progressiv zu sein. Er führt auch Erinnerungen an, nach denen sie sich offen fremdenfeindlich äußerte. Das passt schlecht zu einer nachträglichen Vereinnahmung als Ikone. Historisch aufschlussreich wird sie dort, wo solche Gegensätze nicht aufgehen.
Dass Wanda als Frau bis heute stärker fasziniert als viele männliche Zuhälter desselben Milieus, bleibt dennoch bemerkenswert. Zuhälter gab es viele. Über Wanda wird geschrieben, weil sie eine Frau war und weil sie in einer Männerwelt sichtbar und erfolgreich agierte. Daraus entsteht leicht eine Bewunderung für die Grenzüberschreitung selbst. Marschall entgeht dieser Falle weitgehend.
Komplizierter wird es bei Wandas Kindheit und Jugend. Sie wuchs unter schwierigen Verhältnissen auf, wurde in Erziehungsheimen untergebracht und erfuhr dort sexuelle Gewalt. Später begegnet uns eine Frau, die selbst Gewalt ausübt. Diese Abfolge bleibt beim Lesen nicht neutral. Sie legt eine Verbindung nahe, auch wenn Marschall daraus keine einfache psychologische Erklärung macht.
Aus erlittener Gewalt folgt nicht zwangsläufig spätere Gewalttätigkeit. Trotzdem erzeugt die Reihenfolge Bedeutung. Wenn frühe Gewalterfahrung, Heimunterbringung und spätere eigene Gewaltausübung innerhalb einer Biografie so eng aufeinander folgen, sucht die Leserin fast zwangsläufig nach einem Zusammenhang.
Mich hätte an dieser Stelle weniger eine psychologische Erklärung interessiert als eine genauere Reflexion darüber, wie diese Ebenen miteinander verbunden werden können. Wie lassen sich frühe Gewalterfahrung, Selbstbehauptung und eigene Gewaltausübung zusammendenken, ohne daraus eine einfache Ursache-Wirkungs-Geschichte zu machen? Hier wäre auch der größere historische Rahmen der österreichischen Fürsorge- und Heimerziehung von Bedeutung gewesen. Dieser Kontext ist heute wesentlich besser erforscht und hätte Wandas persönliche Erfahrungen über die Einzelbiografie hinaus verorten können.
Auch ihre Homosexualität gewinnt im historischen Zusammenhang ein anderes Gewicht. Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen waren in Österreich bis 1971 auch zwischen Frauen strafbar. Marschall erwähnt die Legalisierung der Homosexualität als Teil jenes Zeitgeists, an dem Wanda seiner Darstellung nach wenig Anteil nahm. Eine ausführlichere rechtshistorische Einordnung hätte dennoch deutlicher gemacht, unter welchen Bedingungen sie einen Teil ihres Lebens führte.
Sehr aufschlussreich sind die Gefängnisszenen. Marschall beschreibt Beziehungen Wandas zu Justizwachebeamtinnen. Zwei Beamtinnen mussten sich in diesem Zusammenhang wegen Amtsmissbrauchs vor Gericht verantworten, nachdem Wanda über diese Beziehungen Dinge und Privilegien erhalten hatte, die Gefangenen nicht zustanden. Eine ehemalige Mitgefangene relativiert Wandas Verantwortung und erzählt, solche Beziehungen zwischen Beamtinnen und Gefangenen seien keineswegs ungewöhnlich gewesen.
Diese Passage bleibt im Gedächtnis, weil die Rollen nicht eindeutig verteilt sind. Die Beamtinnen verfügten über die institutionelle Macht. Wanda wiederum wusste offenbar sehr genau, wie sie Beziehungen für sich nutzen konnte. Die damalige Presse machte daraus eine weitere Geschichte über ihre Verführungskraft und darüber, dass sie selbst im Gefängnis Regeln außer Kraft setzen konnte. Bei einer heutigen Lektüre drängen sich zusätzlich Fragen nach Machtgefällen, Abhängigkeiten und den institutionellen Bedingungen solcher Beziehungen auf.
Marschalls Zugriff ist erzählerisch und dokumentarisch. Er lässt unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen, zitiert Zeitungsberichte, erinnert an Gerichtsverfahren und führt Erinnerungen ehemaliger Weggefährtinnen und Weggefährten zusammen.
Besonders überzeugend ist das Buch dort, wo aus Wandas Biografie ein Stück Wiener Sozial- und Kulturgeschichte wird. Nachtlokale, Prostitution, Glücksspiel, Polizei, Gerichte und Gefängnisse gehören zu dieser Welt. Marschall kennt das Milieu gut genug, um es anschaulich zu machen, ohne in die übliche Wiener Unterweltnostalgie zu verfallen. Aus Strizzis werden keine liebenswerten „Originale“, und Gewalt verliert ihren Schrecken nicht dadurch, dass sich darüber gute Geschichten erzählen lassen.
Auch die Hamburg-Episode gehört in diesen Zusammenhang. Marschall beschreibt die Verbindungen Wiener Zuhälter und Prostituierter nach Deutschland, ökonomische Interessen, Konkurrenz und Gewalt. Wanda erscheint hier nicht als exotische Einzelgängerin, sondern als Teil eines größeren sozialen und wirtschaftlichen Gefüges mit eigenen Regeln.
So entsteht aus der Biografie einer ungewöhnlichen Frau weit mehr als eine Sammlung spektakulärer Episoden. Marschall rekonstruiert eine verschwundene Wiener Welt und zeigt, wie eng Person, Milieu und öffentliche Erzählung miteinander verbunden waren.
Offener bleibt das Buch für mich bei einigen historischen Kontexten außerhalb dieses Milieus. Vor allem die Geschichte der Heimerziehung hätte stärker einbezogen werden können; auch die rechtlichen Bedingungen weiblicher Homosexualität werden eher gestreift als ausgeführt. Eine weiter gefasste historische Perspektive hätte dem reichhaltigen Material an diesen Stellen noch eine zusätzliche Ebene gegeben.
Nach der Lektüre weiß man sehr viel mehr über Wanda Kuchwalek und darüber, wie aus ihr die „Wilde Wanda“ wurde. Endgültig verstanden hat man sie nicht.